Wertebasierte Führung - gibt es die noch?

Wertebasierte Führung - gibt es die noch?

Seit ich vor über zwanzig Jahren im Zuge eines geschauten Interviews mit Jack Welch, dem legendären früheren CEO von General Electric, über das Thema "wertebasierte Führung" stolperte, betrachte ich das Führungsverhalten aus einer anderen Brille. Aber ich frage mich natürlich: gibt es Führungskräfte, die noch andere Werte als Profitabilität in den Vordergrund stellen?

Jack war bei der Auswahl und v.a. bei der Förderung seiner Manager sehr klar und seine 4-Quadranten-Matrix zu diesem Thema war weltberühmt: auf der X-Achse: Performance. gut/schlecht und auf der Y-Achse: Einhaltung der Werte gut/schlecht.

Jetzt muss man aber auch noch erwähnen, dass er für seine Werte nicht nur übliche Substantive benutzte, sondern seine wichtigsten Prinzipien spezifischer ausdrückte: "we promote women", oder "we hate bureaucracy" oder "we act internationally".

Das erlaubte ihm und allen Führungskräften, die Werte viel besser zu kommunizieren und v.a. auch zu bewerten. Er machte es sich bei den Jahresgesprächen mit seinen Leuten einfach:

  • Performance gut + Einhaltung der Werte gut => Promotion

  • Performance schwach + Einhaltung der Werte schwach => Raus

  • Performance gut + Einhaltung der Werte schwach => Raus

  • Performance schwach + Einhaltung der Werte gut => gib ihm/ihr eine Chance

Mir gefällt diese Betrachtungsweise, denn sie geht wieder zurück auf den uralten Satz, von dem letztlich keiner weiß, ob er jetzt von Jack Welch oder Steve Jobs oder von Peter Drucker stammte: "Culture eats strategy for breakfast".

Wenn ich nach Beispielen gerade hier im deutschsprachigen Raum für wertebasierte Führung in bekannten Unternehmen forsche, dann komme ich an Wolfgang Grupp, dem legendären Impresario von TRIGEMA nicht vorbei.

Letzte Woche habe ich ein neues Interview vom SWR mit ihm gesehen und ich muss gestehen, dass es mich sehr berührt hat. (Das Interview)

Mir fällt wirklich kein bekannter Unternehmer ein, der wichtige Grundwerte derart konsequent vertreten und gelebt hat, wie er.

Natürlich wurde er durch seine vielen MitarbeiterInnen steinreich, aber es war seine oberste Maxime, dass niemand seinen Job verliert - und das hat er offenbar konsequent - selbst in Corona-Zeiten konsequent durchgehalten.

"Es kann nicht sein, dass Mitarbeiter das ausbaden müssen, was wir Führungskräfte zu verantworten haben" - eines der vielen vielen bemerkenswerten Zitate aus seinem Mund.

Seine Gesellschafterform ist auf persönliche Haftung ausgelegt. "Wenn das Unternehmen pleite geht, dann ist das doch meine Verantwortung und nicht die der Allgemeinheit! — Gewinne einsacken, aber Verluste verallgemeinern - das geht gar nicht!"

Man merkt schon an diesen beiden Beispielen, wie der Mann denkt, nach welchen Glaubenssätzen er handelt und wie er sein Unternehmen geführt hat. Ja er war Patriarch, aber wohl ein Guter.

Als "gut" zu gelten, hat immer etwas mit Werten zu tun. Man ist nicht nur gut, weil man tolle Resultate erzielt. Wenn ich in Kurzform beschreibe mit "Das ist ein Guter bzw. das ist eine Gute…", dann meine ich im gleichen Atemzug den Charakter und damit die Existenz und das sichtbare Leben nach einem Wertekompass.

All die Führungskräfte, die sich nur nach ihren Kennzahlen und Jahreszielen ausrichten, langweilen mich zu Tode.

Natürlich sage ich nicht, dass mit diesen Managern die Unternehmen nicht voran kommen, aber mit guter Führung hat das nichts zu tun.

Wolfgang Grupp's Werteverständnis ging sogar soweit, dass er sich nach der Übergabe der Firma an seine beiden Kinder jüngst das Leben nehmen wollte.

"Von anderen gebraucht werden" ist einer seiner weiteren prägenden Werte - und als er nun in dunklen Nächten gespürt hat, dass er nicht mehr benötigt wird, wurde sein Leben gefühlt sinnlos.

Seine Frau hat ihn gerettet und er bezeichnet den Suizid-Versuch als einen gravierenden Fehler - aber dennoch ist es bemerkenswert, welches Werteverständnis der Mann an den Tag legt - trotz seines Reichtums.

Wie wichtig sind uns Werte denn wirklich? Wer von uns hält ab und zu sein Leben kurz an, um einmal darüber zu reflektieren?

Dabei ist die Übung auch hier ganz einfach: nimm ein weißes Blatt Papier und schreibe auf:

  1. Welche Prinzipien sind für mich elementar wichtig?

  2. Wie gut kann ich sie selbst einhalten?

  3. Wie gut werden sie in meiner Umgebung (Familie, Job etc.) umgesetzt?

  4. Kann ich damit gut leben?

  5. Was will ich verändern?

Ich wünsche Ihnen nach diesen Gedanken eine effektive und wertegeleitete Woche!