
Alle Führungskräfte die ich im Moment so treffe, haben einen neuen Helden - ein neues Vorbild: Vincent Kompany - den aktuellen Trainer vom FC Bayern München.
Alle lieben ihn - alle verehren ihn. Die Spieler, die Vorstände, die Presse - ja sogar die vielen Fans, die sich den FC Bayern eigentlich zum Hassobjekt erkoren hatten. Ist unser neuer Heiland geboren?
Ich werde sicher in absehbarer Zeit ein paar Zeilen über ihn schreiben, aber ich möchte nur warnen, als Führungskraft zu viele Parallelen zum Sport ziehen zu wollen.
Wenn man nämlich Führungsseminare besucht, gibt es seitens der Referenten immer wieder Vergleiche aus Sport und Musik. Ist das denn zielführend für die Entwicklung guter Führungsfähigkeiten?
Fangen wir heute einmal in der Sparte Sport an. Wo sind zunächst eindeutige Parallelen zum Führungsalltag in den Unternehmen zu finden?
Alle Sportmannschaften streben wie in der Wirtschaft einen langfristig anhaltenden Erfolg an. Ein Weltmeistertitel ist fein, aber zur Legende wird man dadurch noch lange nicht. Der Erfolg von Sportmannschaften lässt sich wie in der Wirtschaft klar messen und der Erfolg bzw. Misserfolg hängt von Faktoren wie individuellen Fähigkeiten der Spieler, der richtigen Teamzusammensetzung, der Strategie, Taktik und der Stärke der Kontrahenten ab. Dazu kommen heutzutage immer mehr die finanzielle Ausstattung, sowie das Image und der Markenwert dazu.
Im Fokus der entwicklungshungrigen Manager aus der Wirtschaft stehen dabei v.a. die Trainer und weniger die Sportchefs oder Vorstände der Clubs. Hier greifen die Vorteile der Sportvergleiche zur Wirtschaft, weil gerade hier besonders sichtbar wird, wie die Performance der Spieler auf dem Feld den Erfolg des Vereins im Business direkt beeinflussen. Wenn man das Wirken von Uli Hoeness - dem früheren Manager und Vorstand des FC Bayern Münchens - einmal ausnimmt, werden wenige Manager sich extra zu einem Vortragsabend mit dem aktuellen Vorstand vom Hamburger Sportverein oder einem renommierten Handballverein aufmachen. Wenn jedoch Jürgen Klopp, der legendäre Trainer von Borussia Dortmund und dem FC Liverpool angekündigt wird, sind die Tickets in Windeseile ausverkauft und hochrangige Führungskräfte und erfahrene Manager versuchen aus seinen Erfahrungen etwas für ihren Führungsalltag mitzunehmen - zumindest vor seiner Zeit als Vorzeigepuppe bei einem Brausehersteller.
Erfolg kommt von Ergebnissen. Und Tore werden von den eigenen Spielern geschossen. Ob die eigene Mannschaft mehr Tore schießt als der aktuelle Gegner hängt vorwiegend von der Teamzusammensetzung und der gewählten Taktik des Trainers ab. Und wenn man dann auch noch die Meisterschaft über eine ganze Saison gewinnen will, kommen so Faktoren wie der Fitnessgrad der Spieler und v.a. deren Engagement zum Tragen. Man spricht immer wieder von Formschwankungen und Motivationsproblemen, genau wie man es im eigenen Managementalltag bei seinen eigenen Mitarbeitern erlebt. Man beobachtet gespannt, wie die Clubs das so hinbekommen. Man kann auch so schön von außen hineinschauen und es via Bildschirm verfolgen. Ein Umstand, den man in der Wirtschaft praktisch nicht antrifft, da interne Abläufe und Kulturen eher bedeckt gehalten werden.
Aber damit hören die Parallelen zwischen Wirtschaft und Mannschaftssport so langsam auf. Lassen Sie uns einmal lieber die Unterschiede anschauen, die die Lernerfahrungen aus dem Sport wieder etwas relativieren.
Das größte Vergleichshandicap der Wirtschaft im Vergleich zum Sport sehe ich in der Tatsache, dass die Mitarbeiter im Sport – also die Spieler – ihren produktiven Einsatz in der Regel nur einmal pro Woche innerhalb eines sehr begrenzten Zeitraums – im Fußball über 90 Minuten – zum Einsatz bringen müssen – dann aber wirklich hochintensiv und konzentriert. Die übrige Zeit wird mit Körperpflege, Fitnessübungen, dem Üben von Spielzügen, dem Anpassen von technischen Ausrüstungen und allem, was zur optimalen Vorbereitung für das eigentliche Event notwendig ist, verbracht. Dazu kommen lange Nachmittage unter der Woche vor Spielekonsolen.
Das ist aus meiner Sicht das völlige Gegenteil von dem, was wir in den Betrieben und Verwaltungen erleben.
Hier geht jeder Tag für Tag, Woche für Woche seinem geregelten Job nach und versucht permanent irgendwelche Tore zu schießen, während man gleichzeitig die Zeiten für Verbesserung, Training, Vorbereitungen jedoch immer mehr mit der Lupe suchen muss.
Es ist die völlige Umkehr der Praxiszustände und deshalb sind die Lehren eines erfolgreichen Fußball-Coaches für die Adaptierung in der Managementpraxis mit Vorsicht zu genießen.
Wenn sich aber nun z.B. ein Bereichsleiter einer Softwarefirma von der Begeisterung und Liebe Vincent Kompanys zu seinen eigenen Spielern gegenüber anstecken lässt und das in seinen Arbeitsalltag hinüberrettet, dann ist dennoch schon viel gewonnen.
