Habit 5: Erst verstehen.... ist das immer richtig?

Habit 5: Erst verstehen.... ist das immer richtig?

 Der Anlass zu dieser Frage kam, seit ich mich etwas genauer mit dem Herausgeber der Schweizer Weltwoche – Roger Köppel – beschäftige.

Ich habe mir zwei Videos von seinem Kanal näher angeschaut, um besser zu verstehen, wie der Mann eigentlich tickt und warum er so umstritten ist.

 Zunächst sein Auftritt an der Zürcher Universität, wo er sich – ganz im Stil und ganz bewusst in memoriam von Charlie Kirk, dem erschossenen Trump-Unterstützer – den Fragen von Studenten stellte. Linke Aktivisten störten den Auftritt vermummt und mit Trillerpfeifen permanent, da sie Roger Köppel als mindestens Rechts-Außen verorten, weil er immer wieder umstrittenen „Rand“-Figuren wie z.B. Bannon, Thiel oder russischen Propagandisten (s.u.) eine Plattform zur Verbreitung ihrer Ideologien bietet. 

 „Rand“-Figuren im politischen Spektrum werden von Demokraten gerne als ihre Feinde betrachtet – egal ob von links oder rechts. 

 Hört man dann Köppel zu, so meine ich zu verstehen, dass er weder ein Linksaußen, noch ein wahrer Rechtsaußen ist, sondern ein Schweiz-Konservativer, der aber immer dann misstrauisch und aktiv wird, wenn ein sogenannter „Mainstream“ weniger populäre Meinungen versucht zu unterdrücken. Dann wird er aktiv! Dann wird er zum Pflichtverteidiger derer, die vom Mainstream niedergewalzt werden. Seien es zu Corona-Zeiten die Impfgegner oder jetzt die Schar der potentiellen AFD-Wähler, die von der Mitte nur allzu einfach in die Nazi-Ecke gestellt werden. 

 Sofern ich dem Mann mit seiner sehr fröhlichen Art nicht furchtbar auf den Leim geben, hege ich eine gewisse Sympathie für diesen Journalisten, weil ich – wie hier jeder Leser mittlerweile wissen müsste – glühender Verehrer und Unterstützer der „7 Habits of Highly Effective People“ bin.

 Und das, was er tut – hat oberflächlich betrachtet viel mit Habit 5: „Seek to understand! to be understood“ zu tun.  Also – „egal ob da Dein Erzfeind gegenübersitzt, nimm Dir wenigstens die Zeit und den Mut und höre ihm zu, um seinen Standpunkt zu verstehen! Du musst ja nicht einverstanden sein – aber wenn man den Gegenüber nicht versteht, ist ein Miteinander ohnehin nie möglich!“

 Soweit erstmal so gut!

 Jetzt hat der Mann der Torte eine Kirsche aufgesetzt:  er hat ein langes Interview mit einem der russischen Starpropagandisten von Putin im russischen Fernsehen – Wladimir Solowjow – geführt und (kaum editiert) ungeschminkt in seinen YouTube-Kanal gestellt.

Soweit ist er konsequent in seiner Haltung: wenn Du Deinen Feind verstehen willst, musst Du ihm zuhören!  Also auch hier:  Habit 5!

 Was hat der geneigte und hartgesottene Zuhörer verstanden:

  • Im Moment steuern wir unweigerlich auf selektive atomare Schläge der Russen zu

  • Am Anfang hätten die Russen „nur“ gegen die Ukraine gekämpft, jetzt kämpfen die Russen gegen die NATO

  • Er liebt die Menschen. Er liebt auch die Europäer.

  • Die Russen kämpfen seit 2014 gegen das „Böse“ – ausgedrückt durch ukrainische Nazis, die national russische Ukrainer - insbesondere jüdische - bekämpfen und töten würden – diese müssten gerettet werden

  • Wir Europäer hätten die wahren europäischen Traditionen, Wurzeln und Werte seit dem 19. Jahrhundert verraten. Die wahren Europäer sind nur noch die Russen selbst.

  • Es gäbe keinen westeuropäischen Führer mehr, den die Russen ernst nehmen könnten

  • Letztlich: wir haben die Russen betrogen und wir respektieren sie nicht. Sie sind immer noch die „Untermenschen“ und jetzt werden wir den Preis dafür bezahlen.

 Mal ganz davon abgesehen, dass Herr Köppel teilweise – verständlicherweise – überrascht wurde ob des sehr rüden und wechselhaft emotionalen Auftritts seines äußerst geschickten, intelligenten, gebildeten Gegenübers. Leider war Köppel zu schlecht vorbereitet und so kam Solowjow mit vielen Aussagen ohne Konter oder Gegenfakten durch.

 Und an diesem Punkt muss man Köppels Mission „erst verstehen“ etwas relativieren, denn es beweist sich auch hier eine Wahrheit aus den 7 Wegen:  jeder Weg kann alleine nicht zu einem guten Ende führen! Die 7 Wege funktionieren immer im System. (Mit Ausnahme von Weg 7: "die Säge schärfen" - das geht immer auch alleine)

So kann Weg 3 – das Wichtigste zuerst tun – nicht ohne Weg 2 – Am Anfang das Ende im Sinn haben – auskommen. Wenn Du Dir vorher nicht klar gemacht hast, was Dir wichtig ist, kann man sich auch nicht auf das Wichtige fokussieren.

Auch kann Weg 5 – erst verstehen, um verstanden zu werden – nur mit Weg 4 – Think win-win – funktionieren.   Ohne diese gesunde souveräne Grundhaltung verkommt Habit 5 zu einer Gefahr, denn wenn Menschen wie Solowjew, die entweder eine Opfer-Haltung – lose-lose („wenn wir verlieren, dann verliert Ihr auch“) oder eine Win-Lose Haltung haben (wir gewinnen (wir haben die Atomwaffen und haben keine Angst sie einzusetzen) und Ihr verliert) auf einen Zuhörer treffen der schlecht vorbereitet ist, dann kommen sie mit ihren zerstörerischen Aussagen bei vielen Menschen durch und die Gesamtlage wird nicht besser.

 Dennoch muss ich abschließend dem guten Herrn Köppel zugutehalten, dass ich in vier Stunden wohl mehr vom Denken und den Motiven der Russen im Ukraine-Konflikt verstanden habe, als in vier Jahren Studium von deutschen Medien oder Talkshows.

 (Jetzt habe ich gesehen, dass der Herr Köppel den Herrn Höcke interviewt. Das musste ja kommen…..)