
Seit 48 Stunden bin ich in einem sehr sentimentalen und seligen Zustand.
Ich weiß, dass „Stolz“ ein schwieriges Wort und ein nicht immer akzeptiertes Gefühl ist. Aber ich bin stolz wie Bolle!! Und zwar auf eine Frau aus Deutschland, die es vorgestern endgültig in den Olymp der modernen Schlagzeugerwelt gebracht hat.
Für alle, die nicht gleich wissen, worüber ich hier schreibe, hier der Hintergrund:
Seit über 50 Jahren gibt es die legendäre Prog-Rock Band aus Kanada namens RUSH. Eine 3-Mann-Combo, die stilbildend und vorbildhaft für jede Menge nachfolgende Rockbands wie z.B. Dream Theater oder die Foo-Fighters waren. Zudem besitzen sie eine fanatische, fast religiös anmutende Anhängerschaft.
Dabei geht es nur um pure Musik - auch wenn ich immer wenig damit anfangen konnte. Es war mir lange zu quer - zu sperrig - zu hart - zu unmelodisch und trotzdem muss man konstatieren, dass es viele Menschen auf dem ganzen Planeten gibt, die diese Band teilweise schon über 100x live gehört haben und keine Tour ausgelassen haben.
Allerdings war mit Rush in ihrer Stammbesetzung vor 10 Jahren Schluß, als ihr legendärer Schlagzeuger Neil Peart gestorben war. Er war nicht nur ein famoser Schlagzeuger, sondern auch der Texter der Rush-Songs. Ein furchtbar netter Typ, der in kurzer Zeit seine Tochter, dann seine Frau und dann auch noch sein eigenes Leben verloren hatte.
Wer ihn nochmals erleben will, der schaue sie die wunderbare Doku "Rush - die letzte große Tour auf ARTE oder YouTube an. Hier wird auch überdeutlich, welch physische Anstrengung als Schlagzeuger es war, mit Rush monatelang 3-stündige Konzerte zu geben.
Die Band war tot und die Fans waren traurig!
Jetzt sind sie aber wieder da - und jedes Videoschnipsel ihres ersten Auftritts in 2026 in Los Angeles treibt mir die Tränen in die Augen - eben vor Stolz.
Nochmal kurz zurückgespult: als die beiden verbliebenen Mitglieder Geddy Lee und Alex Lifeson beschlossen haben, nochmals auf Tour zu gehen, war das Erstaunen groß! Wie sollte das gehen? Ohne Schlagzeuger? Neil war nicht zu ersetzen! Welch ein Sakrileg!! Unmöglich!!!
Dann kam kurze Zeit später die Nachricht, wen sie für dieses Vorhaben mit auf die Bühne nehmen wollten: eine deutsche Schlagzeugerin namens Anika Nilles.
Die Rockwelt stand Kopf.
Das schafft sie nicht! Das kann sie nicht! Niemals! Die Schuhe sind zu groß!
Sie verschwand monatelang von der Bildfläche, um die über 40 Songs um die es live geht zu üben - aber in der Zwischenzeit merkte man an den Interviews von Rush, dass sie sich bei der Wahl von Annika wohl sehr sicher waren.
Was ein Coup!
Für mich ist das auch wieder ein wunderbares Beispiel für Vertrauenswürdigkeit. Ihr kennt mittlerweile meine Lieblingsdefinition dafür aus „Speed of Trust“ von Covey: Vertrauenswürdigkeit entsteht durch die Gleichzeitigkeit von guten Charakter und Kompetenz. Guter Charakter wiederum fußt auf Absicht und Integrität - während Kompetenz sich aus den Fähigkeiten und den Resultaten die man geliefert hat speist.
Rush hat enorm viel zu verlieren in den Augen ihrer Fans. Aber Rush vertrauen Anika.
Sie ist keine Egomanin und ihre Absicht ist eindeutig win-win, wenn man sich näher mit ihr beschäftigt.
Sie hat eine hohe Selbstdisziplin und ich gehe jede Wette ein, dass sie immer tut was sie sagt und Versprechen hält. Und sie wird nichts dem Zufall überlassen. Sie ist integer.
Sie hat die technischen Fähigkeiten in der Weltklasse mitzuspielen.
Sie hat auf der letzten Tour von Jeff Beck der Welt bewiesen, dass sie es kann. Das hat den Rush-Leuten letztlich den entscheidenden Kick gegeben.
3 Stunden Auftritt! 28 Songs! Alle die mit Rockmusik weltweit etwas am Hut haben schauen hin! Ich kann mir keinen Job in der Kunstwelt vorstellen, der größerem Druck ausgesetzt ist, als der Schlagzeugstuhl von RUSH bei ihrer Wiedergeburt.
Und siehe da: die Welt verneigt sich vor der Band und sie verneigt sich in erster Linie vor Anika Nilles - die ihre Feuertaufe mit Bravour bestanden hat!
Eine Frau aus Aschaffenburg, die zwar mit dem Schlagzeug aufgewachsen war, aber zunächst doch den sicheren Job der Kindergärtnerin eingeschlagen hat. Irgendetwas hatte sich aber in ihr gemeldet, dass sie es doch mit der Musik auch beruflich nochmals probieren sollte und ging recht spät für einer Musikerin zunächst nach Mannheim an eine Musikhochschule, bildete sich aus, gründete ihre eigene Band und veröffentlichte ihre Songs auf YouTube. Jeff Beck, der legendäre alte Gitarrist der Yardbirds plante nochmals eine Welttour und hatte die schöne Idee mit einer Bassistin und einer Schlagzeugerin aufzutreten. Er sah Annika auf YouTube, ging mit ihr auf seine Abschiedstour (er starb kurze Zeit danach) und sie wurde der weltweiten Rockwelt ein Begriff.
Jetzt sitzt sie auf dem Olymp. Es gibt keine größere Auszeichnung für einen modernen Schlagzeuger als der Stuhl von Rush. Mir fällt keine andere Band ein, wo das Schlagzeug eine solch exponierte Rolle spielt.
"Liebe Anika - ich gönne Dir das so sehr. Eine kompetente, nette Frau aus Deutschland. Damit tust Du im Moment mehr für unser internationales Ansehen, als so manch andere Institution die mir da so einfallen könnte. Das tut so gut! Danke!"
